Lars von Trier über den Wow-Moment
“Sie steigen und steigen, lange Zeit, für Stunden, vielleicht im Wald, vielleicht in einer engen Schlucht. Es gibt nicht viel zu sehen. Aber dann biegen Sie um eine Felszacke, und: Wow! Vor Ihnen liegt dieses unglaubliche, atemberaubende Bergpanorama. Können Sie sich dieses Gefühl vorstellen? Dann sehen Sie, dass nebendran ein Parkplatz ist. Jemand anders ist auch noch da. Er ist eben mit dem Auto gekommen. Er sieht nun exakt dasselbe wie Sie. Aber glauben Sie, dass er auch dasselbe fühlt? Auch nur annähernd? Nein! Natürlich nicht! Das Wow im Leben, das Wow in der Kunst – Sie müssen es sich verdienen, Sie müssen es sich erarbeiten. Das ist nun mal so. Und die Welt ist leider immer weniger bereit dazu. Und wenn Sie jetzt fragen, worum es mir wirklich geht: Dann ist es dieses Wow. Bei mir ist dieses Wow: Tarkowski. Diese enormen Filme, die ich als junger Mann gesehen habe … ,Solaris‘ bestimmt zwanzigmal. Und jedes Mal, bis heute, wenn in ,Solaris‘ die Musik von Bach einsetzt, aus dem ,Orgelbüchlein‘, Sie wissen schon … jedes Mal wieder … zerreißt es mich. Darum geht es. Das ist der Grund, warum alles einen Sinn hat.”
Aus Süddeutsche Zeitung, 6.10.2011, Seite 3 “Er schießt den Vogel ab”